Es ist überall, das Reality TV. Auf den billigen Unterhaltungssendern flimmert beinahe jeden Nachmittag das „echte“ Leben fremder Menschen über den Bildschirm. Vordergründig distanziert man sich gerne davon, tut den Programm-Voyeurismus, den man selbst selbstverständlich nicht nötig hat, als unmoralisch ab. Und doch lässt sich die Faszination nicht abschütteln. Die Möglichkeit ein fremdes Leben zu Beobachten, als Zuschauer live dabei zu sein, wenn Illusionen seziert und Existenzen im Namen des Entertainment geopfert werden.

Auch Lili ist da keine Ausnahme. Besonders die Es(s)kapaden der KandidatInnen von „Rollos Kilos“ haben es ihr angetan. Während die Einen ihre Nahrungsaufnahme nicht drosseln können, schwinden die Anderen unter Essverweigerung vor sich hin. Lili würde das nie passieren, sie hat ihre Ernährung schliesslich im Griff. So gut, dass sie schliesslich nicht umhin kommt, auch den Leuten hinter den Bildschirmen zu beweisen, dass sie im Kalorienzählen niemand schlägt.

Von der Inszenierungsgesellschaft bis zur Orthorexie: Lilis Fett, eine Tragikomödie von Roger Binggeli Bernard, deckte wieder eine ganze Bandbreite von aktuellen, gesellschaftlichen Themen ab, die in einer rasanten Achterbahnfahrt der Gefühle miteinander verbunden wurden. Lilis Freunde, das Kamerateam, Medizinisches Fachpersonal und nicht zuletzt das Publikum waren live dabei, als Kalorien gezählt und Einschaltquoten in neue Höhen gejagt wurden.

So brach das erste, in der Gegenwart angesiedelte Stück des Projekt 210 erneut alle Rekorde des Vorjahres: Mehr als 750 Zuschauer pilgerten in die Aula des Progrs in Bern und nach Schaffhausen in den Fasskeller, um sich die TV-Produktion unserer geschätzten Alltagsunterhaltung mit eigenen Augen anzusehen. Bei diesem Hunger kann man also davon ausgehen, dass da draussen durchaus noch Platz ist für einige Theaterstücke Kuchen der jungen Berner Gruppe.

Fotos: Felix Erb